
Nach beinahe vier Jahrzehnten Existenz erscheint mit „Veneficium“ ein Werk, das sich weniger wie ein weiteres Kapitel in der Diskografie von Opera IX anfühlt, sondern vielmehr wie eine Verdichtung all jener Elemente, die diese Band seit 1988 zu einer singulären Erscheinung innerhalb des Black Metal gemacht haben. In einer Szene, die sich stetig neu definiert, bleibt OPERA IX eine Konstante, nicht im Sinne von Stillstand, sondern als eine eigenwillige Kraft, die sich ihrer eigenen inneren Logik verpflichtet fühlt.
Schon der Titeltrack, der zugleich als erste Vorabveröffentlichung dient, macht deutlich, wohin die Reise geht. „Veneficium“ wird hier nicht bloß als ästhetisches Konzept verstanden, sondern als eine Art Initiationsprozess, eine klangliche Pilgerreise durch ein Geflecht aus okkulten Symbolen, archaischen Erinnerungen und rituellen Strukturen. Die Band selbst beschreibt das Album als ein botanisches Reich, geprägt von weiblicher Weisheit und uralten Kräften, und genau diese Idee durchzieht das gesamte Werk wie ein roter Faden. Musikalisch knüpft das Album an jene epische und zugleich zeremonielle Qualität an, die OPERA IX seit jeher auszeichnet. Lange, sich langsam entfaltende Kompositionen dominieren das Bild, wobei die Grenzen zwischen Black Metal, Doom und atmosphärischen Passagen bewusst verschwimmen. Dabei entsteht weniger eine Sammlung einzelner Songs als vielmehr ein zusammenhängender Klangraum, der sich erst in seiner Gesamtheit vollständig erschließt.
Die Trackliste liest sich wie ein okkultes Kompendium. Stücke wie „Vocatio Mortuorum“, „Defixiones“ oder „Saturni Arcanum“ verweisen nicht nur auf thematische Schwerpunkte wie Beschwörung, Fluchmagie und planetarische Symbolik, sondern fungieren auch als Stationen innerhalb einer größeren rituellen Dramaturgie. Besonders hervorzuheben ist dabei die Fähigkeit der Band, diese Inhalte nicht bloß textlich, sondern vor allem atmosphärisch zu transportieren. Die Musik wirkt dabei oft weniger komponiert als evoziert, als würde sie aus einer tieferen, schwer greifbaren Quelle hervorgehen. Ein entscheidender Faktor für die Wirkung von „Veneficium“ ist die Balance zwischen Kontinuität und Transformation. Trotz zahlreicher Lineup Veränderungen bleibt der Kern der Band klar erkennbar, getragen von der Vision des Gründers Ossian und der Präsenz von Sängerin Dispas, die seit 2018 Teil der Band ist. Ihre Stimme verleiht dem Album eine zusätzliche Dimension, die zwischen Beschwörung, Erzählung und emotionaler Intensität oszilliert und damit maßgeblich zur dichten Atmosphäre beiträgt.
Auch produktionstechnisch zeigt sich das Album auf einem hohen Niveau. Der Mix und das Mastering durch Algol im Daemon Star Studio sorgen für einen Sound, der sowohl Klarheit als auch Tiefe besitzt, ohne dabei die rohe, organische Qualität zu verlieren, die für die Musik von OPERA IX essenziell ist. Die einzelnen Elemente, Gitarren, Keyboards und Gesang, verschmelzen zu einem Gesamtbild, das eher wie ein Ritualraum als wie eine klassische Studioaufnahme wirkt. Eine besondere Rolle nimmt der abschließende Track „Black Sabbath“ ein, eine Interpretation des gleichnamigen Klassikers von Black Sabbath. Anstatt als bloße Hommage zu fungieren, wird der Song in den Kontext des Albums eingebettet und erhält dadurch eine neue, fast sakrale Dimension. Es ist ein geschickter Schlusspunkt, der die Verbindung zwischen den Ursprüngen des Genres und der eigenen, stark individualisierten Klangwelt von OPERA IX herstellt. Im größeren Kontext betrachtet, lässt sich „Veneficium“ auch als Reflexion über Zeit und Kontinuität lesen. Die Idee einer urtümlichen Vergangenheit, die im Blut und in der Seele fortlebt, wird hier nicht nur thematisch verhandelt, sondern musikalisch erfahrbar gemacht. Das Album wirkt wie ein Echo vergangener Zeitalter, das sich in die Gegenwart hineinzieht und dabei eine Brücke zwischen archaischem Wissen und moderner Ausdrucksform schlägt.
Dabei verweigert sich „Veneficium“ bewusst einer schnellen Zugänglichkeit. Es ist kein Album, das sich nebenbei erschließt, sondern eines, das Aufmerksamkeit und Hingabe einfordert. Gerade darin liegt jedoch seine Stärke. Wer bereit ist, sich auf diese Reise einzulassen, wird mit einem Werk belohnt, das weit über genretypische Konventionen hinausgeht. In einer Zeit, in der sich viele Bands zwischen Nostalgie und Innovation verlieren, gelingt es OPERA IX, beides in einer organischen Form zu verbinden. „Veneficium“ ist kein radikaler Bruch, aber auch keine bloße Wiederholung, es ist vielmehr eine konsequente Weiterentwicklung einer künstlerischen Vision, die sich über Jahrzehnte hinweg behauptet hat. „Veneficium“ ist kein Album für den schnellen Konsum, sondern ein dichtes, forderndes und zugleich faszinierendes Werk, das seine Wirkung erst über Zeit vollständig entfaltet. Es bestätigt einmal mehr den Status von OPERA IX als eine der eigenständigsten und beständigsten Kräfte im okkulten Black Metal und zeigt, dass ihre Reise noch lange nicht abgeschlossen ist. Das Album erscheint bei Edged Circle Productions.














